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3.
Die selige Gertrud von Altenberg
1. EinleitungDie
Tochter der heiligen Elisabeth von Thüringen Gertrud verbrachte ihr Leben
(* 1229 +1297) seit dem 18.
Lebensmonat im Kloster Altenberg/Solms bei Wetzlar. Sie wird als Selige
verehrt. Während im Bereich
unseres Bistum Limburg das 12. Jahrhundert die heilige Hildegard von Bingen und
die heilige Elisabeth von Schönau stark prägten, war es für
unser Gebiet im 13. Jahrhundert die selige Gertrud von Altenberg. Sie
leitete über ein halbes Jahrhundert das Kloster. Schon kurze Zeit nach ihre Tod
1297 setzte die Verehrung Gertruds auf dem Altenberg ein. Papst Clemens
V. gestattete in einer Urkunde vom 18. Dezember 1311 dem Altenberger Konvent, das Jahresfest Gertruds feierlich zu
begehen. Eine Inschrift der Grabtumba auf Altenberg
von 1334 nennt
Gertrud bereits eine Selige. Wissenschaftlich umstritten ist die
Seligsprechung Gertruds durch Papst Clemens
VI. 1348. 2. Kloster AltenbergUnweit von Marburg bei Wetzlar liegt auf
einem Höhenzug das Kloster Altenberg. Es wurde 1170 als adliges
Frauenkloster gegründet. Nach der Gründungslegende
wurde das Kloster Altenberg bei Wetzlar von einem wandernden Priester Gottfried gegründet. Er
habe „seinen Beinamen der ,,Rufer“ gehabt, weil er der Gläubigen
Herzen und Sinn mit seinem Geschrei der Predigten von den Lastern des Leibes und zum Bekenntnis Gottes und zu ihrer Sünden Busse fröhlich
aufweckte“. Er habe den Abt
von Rommersdorf um die Entsendung von Ordensfrauen gebeten (zwischen 1164-79), nachdem er durch „göttliche
Wegweisung“ auf dem Altenberg eine Kirche errichtet hatte. Eine erste urkundliche Erwähnung der Gründung/Stiftung
durch Gottfried ist für das Jahr 1179 nachweisbar. Nach der Überlieferung
soll unser Gottfried von Beselich auch als Erbauer von Brücken, zwischen
Limburg und Wetzlar, in Erscheinung getreten sein. Zwei dieser Brücken können wir heute klar
identifizieren. In der Altenberger Gründungsgeschichte wird berichtet
dass jener Priester Gottfried „auch eine grosse Brücke in Wetzlar und
in Limburg über die Lahn mit Almosen zu bauen begonnen und vollendet“
habe. In die Amtsperiode von Gertruds als Magistra fällt,
wohl bewirkt durch ihr Herkommen und ihre diplomatischen Künste die
wichtige Anerkennung des verfassungsrechtlichen Status der
Reichsunmittelbarkeit. Unter Gertrud wurde das Kloster auch ausgebaut
und in Übernahme des Stils der Elisabethkirche in Marburg die
Klosterkirche gebaut. Aus dem Vermögen Gertruds wurde das Kloster neue
erbaut. In der Reformation blieb das Kloster trotz starken
äußerem Drucks katholisch. Im Rahmen der Säkularisation wurde das Kloster 1803
aufgelöst, die Besitzungen fielen an den Fürsten von Solms-Braunfels. 1946 wurde das Kloster Kinderheim des Evangelischen
Hilfswerkes, 1952 brannte es ab. Seit 1953 befindet sich auf dem Gelände des
ehemaligen Prämonstratenserinnen-Klosters das Königsberger
Diakonissenmutterhaus der Barmherzigkeit, die das Erbe der seligen Gertrud
treu pflegen. 3. Die selige Gertrud von Altenberg(
Ein Artikel von Herbert Flender: Die selige Gertrud von Altenberg, in
einer Broschüre der evangelischen und katholischen Kirche „Kloster
Altenberg an der Lahn“ erschienen zum 750. Geburtstag der Meisterin
Gertrud 1977) Leben, Werk und Wirkung Unsere Heimatgeschichte (Wetzlar)
ist
zweifellos arm an großen Frauengestalten - auch und gerade auf dem Gebiet
der religiöskirchlichen Entwicklung. Aber
aus dem Dunkel einer beginnenden urkundlichen Überlieferung leuchtet hell
das Bild einer ganz außergewöhnlichen Persönlichkeit: Gertrud von
Altenberg, im 13. Jahrhundert über fast fünf Jahrzehnte hindurch
Meisterin des dortigen Prämonstratenserinnen-Klosters. Ihrer
hocharistokratischen Herkunft gemäß hätte diese Frau ebenso gut eine
Landgräfin, eine Herzogin, ja eine Königin werden können - eigentlich
werden müssen; allein der Weg ihres Lebens ward in eine völlig andere
Richtung gelenkt, noch ehe sie am 29. September, also zu Michael!, 1227
auf der Wartburg bei Eisenach das Licht der Welt erblickte. Ihre Eltern,
Landgraf Ludwig IV. von Thüringen und Hessen, bisweilen auch der Fromme
genannt, und Elisabeth, Tochter des Ungarnkönigs Andreas II., hatten
bereits
lange zuvor das Gelübde abgelegt, ihr zu erwartendes Kind einem geistlichen
Orden anzuvertrauen, - wenn es ein Knabe werde, dem
Prämonstratenser-Kloster
Rommersdorf bei Neuwied, ein Mädchen aber dem Rommersdorfer
Tochterkloster
Altenberg bei Wetzlar. Drei Monate vor der Geburt des Kindes, beim
Aufbruch des Landgrafen zur Teilnahme am Kreuzzug des ihm befreundeten
Kaisers Friedrich II., bekräftigten die Eltern im Schmerz des Abschieds
ihr frommes Gelöbnis. Die ahnungsvolle, erst zwanzigjährige Mutter, seit
der Trennung vom fein gebildeten, unendlich liebenswürdigen Gemahl in
Trauerkleidung gehüllt, trug ihr Töchterchen, das nach der ungarischen
Großmutter den Namen Gertrud erhielt, zum Altar und gab es damit
symbolisch einem gottgeweihten Leben hin. Der unglückliche Vater war
bereits einige Tage zuvor, nur 27 Jahre alt, im fernen Süditalien einer
heimtückischen Krankheit zum Opfer gefallen. Nach dem Eintreffen der Todesnachricht folgten für
die verwitwete Landgräfin und ihre unmündigen Kinder Monate härtester
Entbehrungen und Demütigungen. Schon zu Lebzeiten ihres Gatten hatte sich
Elisabeth mehr und mehr von der höfischritterlichen Gesellschaft der
Vornehmen
zurückgezogen und den Umgang mit den Armen gesucht, damit aber zugleich
beim thüringischen Hof, einem der glänzendsten Mittelpunkte staufischer
Kultur in Deutschland, Ärgernis und Misstrauen erzeugt. Der junge
Landgraf hatte die Gründung von Hospital und Waisenhaus wie alle guten
Werke der Frömmigkeit und der Nächstenliebe seiner Gemahlin mit
Wohlwollen und Zuneigung begleitet, selbst ihre erniedrigenden Zeichen
von Selbstverleugnung als Beschützerin der Bedrängten in den Hütten
des Elends. Aber nun schlug diesem „Engel von Milde, Liebenswürdigkeit
und Menschenfreundlichkeit" offene Feindschaft, ja Hass entgegen,
und sie musste in harten Prüfungen die Mahnung ihres Seelenführers
Konrad von Marburg erfüllen: „Ertrage geduldig Verachtung in
freiwilliger
Armut!" Um ihr Lebensideal verwirklichen zu
können, verließ Elisabeth die Wartburg und Eisenach, trennte sich von ihren
Kindern, bis sie schließlich nach gütlicher Einigung mit der landgräflichen
Verwandtschaft Marburg als Witwensitz zugewiesen erhielt, wo sie
freilich nicht das Schloss bewohnte, sondern eine ärmliche Behausung
neben dem Franziskanerkloster. Nun widmet sie ihr ganzes Dasein nur noch
der Fürsorge um die Schwächsten und Geringsten unter den Mitmenschen;
sie verkauft ihre Kostbarkeiten zugunsten der Ärmsten, sie nimmt Aussätzige
zu sich auf, sie lebt von ihrer Hände Arbeit, sie entsagt in einem
erneuten Gelübde endgültig der Welt und tritt dem Dritten Orden der
Franziskaner bei; barfuß und im Ordensgewand sieht man sie in den Gassen,
wenn sie Arme zu Grabe geleitet. Die
ganz wenigen Jahre, die Elisabeth hier noch zu leben hatte, reichten aus,
um ihre überragende Persönlichkeit und ihren schier unbegreiflichen
Opfergang schon nach dem Urteil der Zeitgenossen im überirdischen Licht
einer Heiligen erscheinen zu lassen. Was sie als Tochter aus königlichem
Hause nach innerer Berufung und in Glaubensüberzeugung unter
Entsagung all' der ihr zustehenden irdischen Ehren und Bequemlichkeiten
tat und wie sie sich dabei auch körperlich aufopferte und zur wahren
Mutter der Armen wurde, das entsprach in reinster Vollkommenheit den
Vorstellungen ihrer Zeit von einem Leben in der Nachfolge Christi. Unter solchen Lebensumständen fällt
Elisabeths
Entschluss, nunmehr ihr Gelübde zu erfüllen und sich auch von ihrem
jüngsten
Töchterchen Gertrud zu trennen. Dabei spielte zweifellos der Einfluss
ihres gestrengen Beichtvaters Konrad eine wesentliche Rolle, der ja
bereits am thüringischen Hofe von maßgeblicher Bedeutung war, der
schon das jugendliche Ehepaar Ludwig und Elisabeth in allen geistlichen
Dingen beraten und den der Papst der Witwe als Verteidiger und Vormund zur
Seite gestellt hatte. Schließlich leitete Konrad das Elisabeth-Hospital
in Marburg und war, allem Anschein nach im vollen, gegenseitigen
Einvernehmen, darum bemüht, „aus Elisabeths reinem Herzen die
letzten Fasern menschlicher Unvollkommenheit zu entfernen". Fast alle alten Überlieferungen sprechen davon, die
Mutter habe die eineinhalbjährige Gertrud im Jahre 1229 in ärmlichster
Kleidung mit bloßen Füssen und eigenhändig von Marburg aus ins damals
noch weithin unbekannte, kleine und schlecht ausgestattete Kloster
Altenberg gebracht und der damaligen Meisterin Christina von Biel zur
Erziehung anvertraut. Niemand konnte damals auch nur ahnen, dass die
Aufnahme dieses Kindes zur Schicksalsstunde des Klosters werden sollte. Es gibt einige wenige Nachrichten über die
Beziehungen Elisabeths zum Kloster während ihrer beiden letzten
Lebensjahre:
sie habe Schafwolle zum Spinnen erhalten, den Lohn dafür jedoch,
eigentlich
zu ihrem Lebensunterhalt vorgesehen, dem Kloster zurückgegeben; es wird
von einigen Besuchen in Altenberg berichtet, auch von angeblichen
Beratungen mit Konrad von Marburg über einen dauernden Aufenthalt in
diesem Kloster. Der Tod der erst 24jährigen Elisabeth im Jahre 1231
vollendet die Tragödie der jungen landgräflichen Familie; - die kleine
Gertrud aber soll nach einer Legende den allzu frühen Tod ihrer Mutter
aus der Ferne erahnt und die Worte gesprochen haben: „Ich höre das
Totenglöcklein zu Marburg tönen, und in diesem Augenblick wird meine
liebe Frau Mutter verschieden sein." Nun ist sie im zarten Alter von
vier Jahren Vollwaise und, anstatt eine Rolle als verhätscheltes
Prinzesschen an einem der prachtliebenden Fürstenhöfe jener Zeit zu
spielen, ganz auf die Obhut von Klosterfrauen einer einsam gelegenen,
kargen, winzigen Abtei angewiesen. Dennoch erscheint die Frage
berechtigt, ob es bei ihr wirklich der angeblichen Mahnung der Meisterin
bedurfte, „sie solle den Glanz ihres Herkommens nicht mit bösen
Sitten und Werken verdunkeln". Im Kloster bewahrte man noch lange Zeit hindurch
Erinnerungen an jene Tage auf: Brautrock, Ring und Spiegel, Vesperbild,
Kelch und Sessel der Mutter Elisabeth, - Kleidchen, Mohrenpüppchen und
Jesuskindlein, von Holz geschnitzt, aus Gertruds Kindheit. Wenn
es zutrifft, dass Gertrud mit ihren älteren Geschwistern, Landgraf
Hermann II., und Sophie, der späteren Herzogin von Brabant und Landgräfin
von Hessen, im Jahre 1236 zu Marburg dem Zeremoniell der Grabeserhebung
ihrer im Jahr zuvor von Papst Gregor IX. heilig gesprochenen Mutter
Elisabeth beiwohnte, dann hat sie freilich den „Glanz ihres
Herkommens" in einem überwältigenden Erlebnis begreifen können: im
Beisein Kaiser Friedrichs II. von Hohenstaufen, seines Hofstaates,
zahlreicher weltlicher und geistlicher Fürsten und vor einer
unübersehbaren
Volksmenge vollzog Erzbischof Siegfried von Mainz die feierliche Überführung
der Gebeine der Heiligen in die neue Grablege. Gertrud
aber war fortan noch mehr als nur ein Spross aus fürstlichem Hause; sie
wurde in diesem die gesamte Christenwelt erregenden Ereignis zur Tochter
einer Heiligen, ja zur Tochter jener Heiligen, der keine andere
Heilige Deutschlands an Nachruhm gleichkommt, die zur eigentlichen
Nationalheiligen der Deutschen wurde, von deren Gestalt seit ihrer
kurzen Lebenszeit bis in unsere Tage Wirkungen ausgegangen sind „wie die
Strahlen eines Lichtes, das keinen Schatten zu werfen scheint`. Man wird
an die legendäre Weissagung des ungarischen Zauberers Klingsor erinnert,
der dem thüringischen Landgrafen Hermann 1. dereinst auf Befragen am
Hofe prophezeit haben soll: „Ich sehe einen Stern aufgehen in Ungarn,
dessen Licht bis Marburg leuchtet..." Und dieses Licht ist offenbar mit seiner Strahlenkraft
auch bis nach Altenberg gedrungen. In ihren Jugendjahren, aus denen
uns kein Zeugnis vorliegt, muss Gertrud auch ihrerseits in das
verpflichtende Gelübde ihrer Eltern gleichsam hineingewachsen sein; zu
dem vorgegebenen Willen der Eltern trat irgendwann der eigene
Entschluss, wurde irgendwann die eigene Berufung spürbar und in die Tat
umgesetzt, die Probezeit als Novizin zu beginnen, dem weltlichen Leben zu
entsagen, um schließlich selbst Klosterfrau zu werden. Die Einzelheiten
dieses Vorganges und namentlich die sie begleitenden inneren Regungen
werden uns für immer unbekannt bleiben; aber muss es nicht ein wahrhaft
erschütterndes Erlebnis gewesen sein, angesichts des wachsenden
Bewusstseins der königlichen Abkunft und des elterlichen Gelöbnisses
nun eines Tages das eigene entscheidende Ja auszusprechen zum Abschied
von der Welt und die Erfüllung des vorbildhaften Vermächtnisses der
verehrungswürdigen Mutter auf sich zu nehmen? Es ist kaum zu
ermessen, welche innere Kraft und welche Seelengröße in dieser
menschlichen Situation notwendig war. Erklärbar ist es eigentlich nur
unter Berücksichtigung der Glaubensvorstellungen jener Tage, einer Zeit
der Kreuzzüge, der Zeit eines Franziskus von Assisi, eines Berthold
von Regensburg - und eben einer heiligen Elisabeth! Es
grenzt fast an ein Wunder, wenn man schließlich der Tatsache begegnet,
dass nach dem Tod der Meisterin Christina die jüngste der 24 Chorfrauen,
Gertrud, einhellig zur neuen Meisterin erkoren und am 15. August, Mariä
Himmelfahrt, des Jahres 1248 in ihr schweres und an Verantwortung
reiches Amt eingeführt wird. Im Kreise der Töchter aus hohem und
niederem Adel der Heimat war sie ohne Zweifel die nach ihrer Herkunft
Höchststehende
und auch diejenige, die von allen die wertvollste Mitgift in das noch
immer
verhältnismäßig arme und in seinem baulichen Zustand kärgliche Kloster
eingebracht hatte. Auch die damals bereits blühende, von Wundern
begleitete Verehrung, ja Verherrlichung ihrer Mutter hat selbstverständlich
mit Anlass zu ihrer Wahl gegeben. Allein, dies alles zusammengenommen
reicht noch nicht aus, um genügend Erklärungen bereit zu haben für die
Berufung einer Einundzwanzigjährigen in ein solches Amt. Man muss in
ihr doch wohl auch frühzeitig eine Persönlichkeit erkannt haben, der
zugetraut werden durfte, die Geschicke einer noch verhältnismäßig
jungen, auf noch unsicherem Boden stehenden Abtei zu leiten. In der
Klostertradition ist die Rede von ihrer zunehmend sich entwickelnden
Tugendkraft,
von ihrer eifrigen Pflege der klösterlichen Zucht, so dass sie „alle an
Frömmigkeit und Heiligkeit überragte"; man berichtet von ihrer
totalen persönlichen Anspruchslosigkeit, von der gewollten
Dürftigkeit ihrer Behausung, von ihrem Verzicht auf jegliche
Bequemlichkeit,
von ihren asketischen Entbehrungen beim Essen, von der geforderten Zucht
des Schweigens, von Nachtwachen und Bußübungen. Man mag dies alles als
normale Selbstverständlichkeiten einer Klosterfrau des Mittelalters
zur Kenntnis nehmen; aber da gibt es auch noch die vielfältigen Überlieferungen,
die sie ganz in die Nachfolge ihrer Mutter Elisabeth rücken. Gertrud hat zwei Siechenhäuser gestiftet und
errichten lassen, das eine im Kloster für kranke Nonnen, das andere am Fuße
des Berghanges für Arme und Aussätzige. In beiden Elendsherbergen hat
sie selbst, getreu dem Vorbild ihrer Mutter, niedrigste Arbeiten ohne
Scheu und Ekel verrichtet und sich furchtlos bei der Pflege von Aussätzigen
gezeigt. Dabei handelte sie bewusst nach ihrem mehrfach bezeugten
Grundsatz: „Je größer ihr seid, desto mehr sollt ihr euch in allem demütigen!"
Demut und Selbstverleugnung müssen in der Tat ihre tragenden, sich
selbst auferlegten und abgerungenen Eigenschaften geworden sein, wenn
man sich vorstellt, dass auch rauschende Hoffestlichkeiten, Luxus und
Verschwendung jeglicher Art, Turniere, Jagden, Reisen, reich gedeckte
Tafeln und Minnesang hätten ihr Lebensinhalt werden können. Aber auch
sie wurde zu einer Mutter der Armen und Vernachlässigten; ihre
Krankenstätte wird „Hospital der Heiligen Elisabeth" genannt,
reiche Stiftungen ihrer fürstlichen Verwandtschaft verwendet sie für
die Krankenpflege, und sie nennt sich zeitlebens betont „Tochter der heiligen Elisabeth". Schon seit Gertruds Zeiten müssen besonders
enge Beziehungen zwischen dem Altenberg und den Aussätzigen des Wetzlarer
Siechhofs bei Niedergirmes bestanden haben, wie die
Klosterüberlieferungen
ausweisen. Das Kloster gab den Siechen am Weihnachtsabend einen Braten,
am Fastnachtsabend, am Osterabend und am Martinsabend ebenfalls einen
Braten und für jeden Siechen ein Brötchen. Am Gründonnerstag spendete
das Kloster den Siechen eine ungekochte Eiersauce, dazu Brot, Butter, Gewürze
und Salz; außerdem erhielten sie einen Stockfisch mit Butter und ein Brötchen
dazu. Im Herbst aber lieferte das Kloster den Siechen einen Trunk, damit
sie sich wenigstens einmal im Jahr daran laben konnten. Kamen Sieche
in das Kloster, so erhielten sie ein größeres Almosen als alle anderen
und dazu einen Trunk. „Denn", so heißt es in einer alten Überlieferung,
„sie sind unseres Klosters Brüder. Jedesmal, wenn sie kommen, sollen
sie sagen: ,Es kommen Eure Brüder, als nämlich von St. Elisabethen und St. Gertruden!"' Noch nach Jahrhunderten erzählte man sich im
Kloster, diese Almosen für die Siechen seien einst von der hl. Elisabeth
selbst gestiftet worden. Bei aller gebotenen Würdigung der Meisterin Gertrud
als Frau von tiefster Religiosität und aufopfernder Barmherzigkeit
muss bei näherer Betrachtung auch in Erstaunen versetzen, was sie für
die Erhaltung und Durchsetzung der Rechtsstellung ihres seit Kaiser
Friedrich 1. reichsunmittelbaren Klosters geleistet hat. Sehr bald nach
ihrem Amtsantritt endete die Stauferherrschaft, und im darauf folgenden,
jahrzehntelangen Interregnum sank die Macht des Reiches dahin, während
die Territorialherren ihren Aufstieg begannen. Genau in diese Zeit fällt Gertruds
Amtsperiode, und
sie musste hervorragende diplomatische Künste anwenden, um ihrem
Kloster in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts den
verfassungsrechtlichen
Charakter der Reichsunmittelbarkeit zu erhalten. Vom Reich war kaum noch
Unterstützung zu erwarten, zumal das politische Interesse an der Ausübung
der Klostervogtei mit dem Ende der Hohenstaufen praktisch erloschen war.
Dennoch erschien es offenbar wichtig, sich die von Friedrich I.
erhaltenen und von Heinrich Vl. bestätigten Privilegien allein viermal während
der Amtszeit Gertruds von den jeweiligen Herrschern im Reich, den Königen
Wilhelm von Holland, Richard von Cornwallis, Rudolf von Habsburg und
schließlich Adolf von Nassau erneuern zu lassen. Auf der Grundlage dieser Privilegien galt es aber nun
hauptsächlich, die Bestrebungen der örtlichen Nachbarn, namentlich
der Grafen von Solms, abzuwehren, sich in den Besitz der Klostervogtei zu
setzen. War schon die Beschaffung der Reichsprivilegien zweifellos mit Mühen
verbunden, die Geschick und Geduld erforderten, so gelang das Zurückdrängen
der mächtig aufstrebenden Grafen nur durch das Einschalten und das
Eingreifen von Gertruds landgräflich-hessischer Verwandtschaft: schließlich
müssen die Solmser 1270 in Altenberg vor Landgraf Heinrich, Gertruds
Neffen, Landgräfin Sophie, ihrer Schwester, dem Grafen von
Wittgenstein, dem Abt von Rommersdorf, den Burgmannen vom Kalsmunt und
anderen
wichtigen Zeugen feierlich erklären und urkundlich bestätigen, dass sie
kein Anrecht auf die Klostervogtei hätten und das Kloster in allen
Dingen fördern wollten. In den neunziger Jahren schließlich gelang es
auch noch, weitere Territorialgewalten, nämlich die untereinander
verbündeten
Reichsstädte Wetzlar, Friedberg und Frankfurt mit Hilfe des Reiches zum
Schutz der Klosterprivilegien zu verpflichten. Diese ständigen Bestrebungen um Erhalt der Unabhängigkeit
erforderten von der Meisterin unendlich viel Durchhaltevermögen, aber
vielleicht mehr noch politisch-diplomatisches Gespür, um zwischen den
auseinanderstrebenden Interessen der Mächte den für die Abtei rechten
Weg einzuhalten und vermeintliche Beschützer rechtzeitig als eigentliche
Widersacher zu erkennen. Das ist letztendlich während Gertruds
Meisterinjahren gelungen, freilich um den Preis einer ausgeprägten
Machtstellung dieses Klosters im heimischen Raum; die Kräfte, die
vielleicht dazu ausgereicht hätten, wurden nahezu vollständig im
Selbsterhaltungskampf während des Interregums aufgebraucht. Vielleicht
fanden Gertruds diplomatische Fähigkeiten ihren Niederschlag in jenen
Legenden, die von ihrem Wunder hervorrufenden Gaben der Prophetie und
der Schlichtung von Streitigkeiten berichten. Außergewöhnlich sind die
Grundbesitzvermehrungen,
die Kloster Altenberg seiner Meisterin Gertrud zu verdanken hat, und
dies nicht nur im Wetzlarer Raum, sondern auch in der Gegend um Marburg,
Giessen und in der Wetterau. Hatte Gertrud schon selbst erhebliche
Ausstattung
mit ein gebracht, so gelang es ihr dann während ihrer Amtszeit, besonders
zahlreiche Schenkungen und Stiftungen dank ihrer verwandtschaftlichen
Beziehungen zum hessischen Landgrafenhaus für das Kloster zu erwerben;
aber auch von dem mit dem landgräflichen Hause verbundenen hessischen
Adel kamen Grundbesitz und Einkünfte hinzu, ganz zu schweigen von den
Schenkungen, die dem Kloster aufgrund seiner engen Beziehungen zur hl.
Elisabeth zuflossen. Auf
der Grundlage derart gefestigter äußerer und materieller
Voraussetzungen konnte die Meisterin Gertrud um die Mitte des 13.
Jahrhunderts, bald nach ihrem Amtsantritt, darangehen, das ins Werk zu
setzen, was uns heute am eindringlichsten an jene Blütezeit des
Klosters erinnert, nämlich die Kirchen- und Konventsbauten mit ihren
Kunstschätzen. Gestützt auf das Erbe von seiten ihres Onkels, des
Markgrafen Heinrich von Meissen, und auf Spenden, die nach der Gewährung
von Ablassprivilegien eingingen, sowie auf Stiftungen adeliger wie
gemeiner Leute kam der Bau der Klosterkirche im frühgotischen Stil in
den fünfziger Jahren in Gang, mit starken baulichen Anklängen an die
Marburger Elisabethenkirche, so dass 1267 die Weihe erfolgen konnte;
Schutzpatrone wurden die Gottesmutter Maria und der Erzengel Michael. Von
der kostbaren Innenausstattung kennen wir leider nur noch kümmerliche
Reste, die nicht einmal mehr alle in diesem Gotteshaus anzutreffen sind.
Allein diese Übrigbleibsel einer prächtigen Ausstattung sprechen
beredt von dem Wunsch der Schöpferin, zum Lobe Gottes sein Haus innen großartig
zu gestalten, ob man nun den Altar, die Altardecken, die Wandmalereien
oder die sakralen Geräte und die Reliquienbehältnisse betrachtet.
Nach außen hin allerdings entsprach die Kirche der Einfachheit und
Strenge der hier gelebten Ideale. Auch die übrigen Klosterbauten zeugen von dem
wirtschaftlichen Aufschwung, den die Abtei unter Gertrud genommen hat: das
Sommerhaus, der Kreuzgang mit dem Gebäude des Speise- und Schlafsaales,
der Küchenbau, die Siechmeisterei und auch die Wirtschaftsgebäude.
Man muss sich der Tatsache bewusst werden, dass Kloster Altenberg durch
die Meisterin Gertrud ein völlig neues Gesicht erhielt: aus dem wirklich
winzigen Klösterlein war eine weithin sichtbare Abtei mit stattlichen
Neubauten geworden, die nicht nur die Gläubigen ringsum anzog, sondern
auch die höheren und niederen Adelsfamilien eines weiten Umkreises
veranlasste, Töchter gerade diesem Kloster für immer anzuvertrauen.
So stieg die Zahl der Klosterfrauen unter Gertrud auf 70 an. Von
Elisabeth wird an einer Stelle berichtet, auf die Frage, warum sie ihr Töchterchen
Gertrud ausgerechnet in dieses unbekannte und entlegene Kloster getan
habe, sei ihre Antwort gewesen, „dass ihr dieses Altenberger Kloster vom
Himmel für ihre Tochter sei geoffenbart worden und sollte dieses Kloster
durch sie in geistlichen und in weltlichen Dingen zum herrlichsten
gezieret und befördert werden". Man kann getrost bestätigen,
dass dies alles in weitem Masse so eingetroffen ist. Wir wissen aber auch, dass das innere Leben des
Klosters durch das Wirken der Meisterin Gertrud neue Impulse erfahren hat,
die den Chronisten Anlass gaben, davon zu berichten: nicht nur, dass sie
ein strenges Bußleben führte, dass sie ihren Körper durch Kasteien und
Fasten züchtigte, dass sie in der Fastenzeit auf Stroh, während der
Karwoche gar auf harten Brettern schlief - im Kloster wurde auch Leinen
hergestellt, daraus entstanden Altardecken und Chorröcke, die von Gold
und Silberfäden durchwirkt waren; besonders beliebt und bekannt waren
die Flachstickereien auf Leinen, die man hier fertigte. Schließlich ist es Gertrud gewesen, die bereits im
Jahre 1270 das Fronleichnamsfest in ihrem Kloster einführte und es mit
größter Pracht feiern ließ, jenes Fest, das erst wenige Jahre zuvor,
1264, durch Papst Urban IV. seine kirchliche Einführung erfahren
hatte. Als der gleiche Papst den Kreuzzug predigen ließ, nahm auch die
Meisterin Gertrud symbolisch mit ihrem Konvent das Kreuz, indem sie in
die Liste der Kreuzfahrer Aufnahme begehrte, die in Thüringen dem päpstlichen
Rufe folgten, und mit ihrem ganzen Kloster durch Bußübung und Gebet,
möglicherweise
auch durch materielle Hilfe mitzukämpfen versprach. Als die Meisterin am
13. August 1297, fast siebzigjährig, starb, gab sie ein Amt aus den Händen,
das sie nahezu ein halbes Jahrhundert lang innegehabt hatte. Es sind nur
wenige Menschen, denen es geschenkt wird, so lange Zeit hindurch ein
solch hohes Amt zu bekleiden; keine der Vorgängerinnen und
Nachfolgerinnen hat Gertruds Amtsdauer auch nur annähernd erreicht. Und
doch ist dies eine Feststellung, die nur Äußerlichkeiten betrifft. Was
diese Frau auf allen Gebieten, die hier angesprochen wurden, bewirkt hat,
das muss schon auf ihre Zeitgenossen den nachhaltigsten Eindruck gemacht
haben. Nicht anders ist es zu erklären, dass ihr Leben und Werk durch
alle Jahrhunderte hindurch wach und lebendig gehalten werden konnten, dass
man Werk und Wirkung noch bis heute kennt und würdigt, dass man das
alles trotz verhältnismäßig dürftiger Quellenlage noch weiß und davon
spricht, dass ihr Geist bis in unsere Tage in ihren Klostergebäuden zu
walten scheint. Der Meisterin Gertrud sind Bestand und Blüte dieses
Klosters zu verdanken, ihr Werk sind die dortigen Bauten mit ihren
Kunstschätzen, ihr Verdienst ist der Strom an Frömmigkeit,
Barmherzigkeit
und Nächstenliebe, der vom Altenberg ausging und -geht; sie hat die
entscheidenden Traditionen begründet, die bis in die Gegenwart wirken -
Traditionen, die also 750 Jahre überdauert haben. Ihre Seligsprechung, durch Papst
Clemens VI. von
Avignon aus am 13. Dezember 1348 erfolgt (sein soll), und die bald
danach vollzogene Übertragung ihrer Gebeine in das Hochgrab vor dem Altar
sind die Vollendung dessen, was ihre Eltern dereinst in frommer Demut
erfleht und gelobt hatten. Wer sich in Gertruds Leben, Werk und Wirken versenkt,
kann seinen Glauben an Wunder wiederentdecken, selbst wenn er die
Wundergeschichten und Legenden, die die Zeitgenossen um die selige Gertrud
und um ihre heilige Mutter Elisabeth rankten, mit seiner Vernunft nicht zu
begreifen vermag. 4. Anreise und KontaktDie Anreise mit dem Fahrzeug
Kontakt „In jedem Menschen kann uns Gott
begegnen!" Besichtigung von Kirche und Hochgrab sind in der Regel nach Voranmeldung möglich Veranstaltungen zum Elisabethjahr Dienstag, 14. bis Freitag, 17. August Sonntag, 19. August, 17.00 Uhr |
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